Kommunen im Wandel

Der Deutsche Städtetag veranstaltete kürzlich die zweite Fachtagung „Die pestizidfreie Kommune“ in den Räumen des UBA in Dessau-Roßlau.
Statt tristem „Einheitsgrün“ findet man in vielen Städten und Gemeinden heute solch blütenreiche Anlagen – Nahrungsangebote und Rückzugsorte für Insekten. Foto: Ehnts

Städte und Gemeinden setzen Pestizide ein, um Bereiche von unerwünschtem Pflanzenbewuchs freizuhalten oder zum Schutz der menschlichen Gesundheit und Materialien. Die Ausbringung könne Wildpflanzen und Tiere direkt oder indirekt durch den Entzug von Nahrungsgrundlagen schädigen, so das Umweltbundesamt (UBA) und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Und leicht gerieten Abbauprodukte der eingesetzten Wirkstoffe in Gewässer und Kläranlagen. Immer mehr Kommunen seien deshalb bestrebt, den Einsatz von Pestiziden zu vermeiden.

Der BUND hat die pestizidfreie Kommune als ein Schwerpunktthema. BUND und Umweltbundesamt hatten im Jahr 2015 die Auftaktveranstaltung in Form der Fachtagung „Die pestizidfreie Kommune“ organisiert. Der BUND hat zudem einen gleichnamigen Ratgeber erarbeitet. Mittlerweile hätten sich mehr als 500 Städte und Gemeinden dazu entschieden, Grünflächen mindestens ohne den unspezifisch wirkenden und in der Kritik stehenden Wirkstoff Glyphosat zu bewirtschaften.
Praxisreife vorhanden

Der Verlust der Biodiversität ist ein Thema, das in den vergangenen Jahren nicht nur im Agrarsektor, sondern auch auf kommunaler Ebene große Wellen schlug. Die Wildkrautbeseitigung ohne den Einsatz von Herbiziden funktioniert, wie viele Städte und Gemeinden bereits heute erfolgreich zeigen. Teilweise könne auf über 20 Jahre pestizidfreie Bewirtschaftung zurückgeblickt werden.

Referent Dr. Harald Schaich vom Umweltschutzamt der Stadt Freiburg i. Br. berichtete über Freiburger Erfahrungen und Ziele. Die Stadt untersagt die Anwendung von Pestiziden auf städtischen Flächen durch städtische Mitarbeiter seit dem Jahr 1994 und ist zudem Gründungsmitglied des Bündnisses „Kommunen für biologische Vielfalt“. Möglich gewesen sei dies über die Umstellung auf extensive Grünflächenpflege und die traditionelle Wiesenwirtschaft. Begleitvegetation werde zudem hauptsächlich mechanisch, in Einzelfällen auch mit Heißwasser entfernt.

Über die Umwandlung von „Einheitsgrün“ in artenreiche Anlagen sprachen auch Thomas Lehenherr, Städtischer Umweltbeauftragter, und Jens Wehner, Stadtgärtnermeister, Stadt Bad Saulgau. Statt Golfrasen finden Bürger und Touristen im als Hauptstadt der Biodiversität ausgezeichneten Bad Saulgau u.a. Schmetterlingsgärten, bunte Verkehrsinseln, Wildblumenwiesen, Nistkästen und Lehrpfade. Wichtig sei eine gute Abstimmung zwischen Planung, Bau und Pflegeverantwortlichen, so die Referenten. Als besonders wichtig kristallisierte sich aus den Erfahrungen der Städte auch: das Schaffen von Akzeptanz bei den Bürgern. Dies gelänge durch Öffentlichkeitsarbeit und den hinreichenden Wissenstransfer.

Aber auch Bürger initiieren: Im Aufbruch für eine „enkeltaugliche Zukunft“ hätten sich die Einwohner der Gemeinde Mals im Dreiländereck zwischen Italien, Österreich und der Schweiz vor einigen Jahren befunden. So berichtete Journalist Friedrich Haring vom ständigen und starken „Vinschger Wind“, der die in der Landwirtschaft eingesetzten Pflanzenschutzmittel großflächig auf Nicht-Zielflächen wehte. Nach diversen Bürgerinitiativen, einer Volksabstimmung, vielen Hindernissen und der Neuwahl des Gemeinderats sei es in Mals schließlich zur Änderung der Gemeindesatzung im Jahr 2015 gekommen. Hier müsse nun den Landwirten bei der Umstellung auf eine ökologische Landwirtschaft geholfen werden.
 

Wildkrautbekämpfung ist ein großes Thema in den Kommunen; v. a. hier wird nach pestizidfreien Alternativen gesucht. Foto: Ebeling

Biozid-Einsätze reduzieren

Im Gegensatz zu Pflanzenschutzmitteln sind Biozide in Kommunen zur Bekämpfung von Gesundheits- und Materialschädlingen teilweise notwendig und sogar gesetzlich vorgeschrieben. Auch der Einsatz von Bioziden könne negative Auswirkungen auf die Umwelt und den Menschen haben, mahnten BUND und UBA, weshalb dieser reduziert und, wo es geht, auch vermieden werden sollte.

Als Alternativmethoden für die Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners (EPS) stellte Dr. Barbara Jäckel vom Pflanzenschutzamt Berlin das professionelle Absaugen der Nester sowie auch die biologische Bekämpfung des Schädlings durch die Ausbringung eines Nematoden-Produkts vor. Letzteres sei aufgrund der obligatorischen zweifachen Wiederholung der Anwendung sowie der nächtlichen Applikation im urbanen Raum nur begrenzt möglich. Notwendig für situations- und standortspezifische Entscheidungen zur Bekämpfung sei vor allem das Monitoring des Schädlings. Zum Schutz der Bürger gehöre zudem die hinreichende Aufklärung über den Falter.

Eine hohe Schlagzahl

…haben die Berliner Wasserbetriebe (BWB) bei der Rattenbekämpfung hingelegt. Innerhalb eines Zeitraums von zehn Monaten in den Jahren 2014 und 2015 haben im Kanalnetz installierte Schlagfallen rund 4.000 Ratten getötet. Das berichtete Sascha Kokles, Ingenieur der BWB, in seinem Vortrag über die Möglichkeiten der Rattenbekämpfung im Berliner Abwassernetz. Hier teste man derzeit biozidfreie Methoden, um Gifte im Wasserkreislauf zu reduzieren. Eine weitere Maßnahme der Rattenbekämpfung sei das Aussperren der Ratten aus dem Kanalnetz mittels Rat Cap, Stopfen und geschlossenen Abdeckungen.

Von den in 2018 knapp 12.000 abgeschlossenen Rattenbekämpfungen in Berlin hätten jedoch nur 12% im Kanalnetz stattgefunden, weil der Kanal lediglich als Transitstrecke genutzt werde, so Kokles. Die gleichzeitige Bekämpfung von Ratten ober- und unterirdisch sei daher die Herausforderung. Ganz entscheidend für die Entwicklung von Rattenpopulationen sei das verfügbare Nahrungsangebot der Tiere. Durch das Nicht-Entsorgen von Lebensmittelresten über die Kanalisation könne man bereits gegensteuern.

Dorothee Ebeling,
Redaktion KommunalTechnik

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