Kanalbeköderung 2020

Für die Kanalbeköderung gibt es gravierende neue Vorgaben. Damit daraus keine zweite DSGVO wird, hier die wichtigsten Infos für Sie.
rattus norvegicus
Die Vorgaben zur Rattenbeköderung mit Antikoagulanzien im Kanal ändern sich. Foto: Dr. Reiner Pospischil

Es gibt neue Vorgaben für die Verwendung von antikoagulanzen Rodentiziden – tödlichen Rattenködern – in der Kanalisation. Nach einer Übergangszeit von zwei Jahren werden diese, sollten sie in dieser Form bestehen bleiben, die Kanalbeköderung gänzlich verändern.

Der wesentliche Punkt der geänderten Vorgaben besteht darin, dass Rodentizide mit antikoagulanten Wirkstoffen nach ihrer Neu- oder Wiederzulassung nicht mehr mit Wasser in Berührung kommen dürfen. Das schließt eine Kanalbeköderung, wie wir sie kennen, aus, denn bisher werden Köder z.B. an einer Schnur am Schmutzfang befestigt und so in die Schachtöffnung gehängt. Das Vorgehen ist simpel: Deckel auf, alten Köder raus, neuen Köder rein, Deckel zu. Bei dieser Methode kann jedoch nicht sichergestellt werden, dass die Wirkstoffe keinen Kontakt mit Wasser haben. Bei einem Anfraß des Köders, der zwangsläufig eine Beschädigung der Verpackung verursacht, fallen sehr wahrscheinlich Krümel nach unten. Spätestens bei steigendem Wasserpegel kommen diese dann mit Wasser in Berührung und die Wirkstoffe gelangen ins Abwasser. Wer kann schon garantieren, dass die Krümel von den Ratten restlos aufgenommen werden?

Doch ich gehe erst einmal einen Schritt zurück: Was sind eigentlich Antikoagulanzien und was ändert sich bis 2020? Antikoagulanzien sind Blutgerinnungshemmer. Sie sorgen dafür, dass die Ratten innerlich verbluten und sterben. Durch die zeitliche Verzögerung des Todeszeitpunkts nach der Köderaufnahme und schließen Artgenossen aus dem Tod eines einzelnen Tieres nicht, dass der Köder dafür verantwortlich ist. So wird Köderscheu minimiert und sichergestellt, dass die Köder auch weiterhin genutzt werden können, um eine Tilgung des Befalls zu erreichen. Antikoagulanzien werden in der Rattenbekämpfung eingesetzt, wenn ein akuter Befall vorliegt – dieser kann vorher mit wirkstofffreien Ködern festgestellt werden, wenn diese durch Ratten angefressen sind – oder bei der befallsunabhängigen Dauerbeköderung, zum Beispiel im Kanal u.a. angewandt wird. Es wird davon ausgegangen, dass sich im Kanal Ratten aufhalten, denn sie nutzen diese als Transitstrecke z.B. zwischen ihrem Nest und ihrer Futterquelle oder der Kanal stellt selbst eine Futterquelle dar. Der wiederkehrende Anfraß der antikoagulanten Köder bestätigt den Rattenbefall folglich bei den Kontrollen.

Antikoagulanzien wird nachgesagt, dass sie gefährlich für Nicht-Ziel-Organismen seien, also alle Lebewesen, die nicht Ziel der Beköderung sind und folglich auch nicht getötet werden sollen. Dazu können Tiere zählen, die direkt vom Köder fressen, oder durch den Verzehr einer kontaminierten Ratte den Wirkstoff aufnehmen. Dieser lagert sich im Körper an und bei vermehrter Aufnahme könne auch ein Fressfeind der Ratte Schaden nehmen. Aus diesem Grund werden Rattenköder nur in speziellen Köderboxen ausgebracht, der Kanal stellt hier jedoch eine Ausnahme dar, weil er selbst verschlossen ist und der Köder im Inneren somit als geschützt gilt. Dennoch besteht ein hohes Interesse z.B. beim Umweltbundesamt, den Einsatz von antikoagulanten Rodentiziden zu verringern und den Kontakt dieser mit Nicht-Ziel-Organismen und Wasser auszuschließen, um eine Kontamination von Gewässern mit Blutgerinnungshemmern zu vermeiden.

Was verändert sich?

Seit dem 1.März 2018 gelten neue Regeln für die Neu- und Wiederzulassung der Antikoagulanzien. (Ich spreche fortan vereinfacht von „Zulassung“, womit Neu- und Wiederzulassungen gemeint sind.) Das bedeutet, die Zulassung der Köder mit antikoagulanten Wirkstoffen ist an neue Bedingungen für deren Verwendung geknüpft. Die Hersteller müssen darauf hinweisen, dass bei Verwenden der Köder u.a. der Kontakt mit Wasser ausgeschlossen werden muss. An diese Hinweise und Vorgaben müssen sich die Verwender halten. Tun sie dies nicht, machen sie sich im Falle einer Anklage in hohem Maße strafbar. Die Schädlingsbekämpfungsbranche – zumeist sind es Schädlingsbekämpfer/-innen, die mit der Kanalbeköderung beauftragt werden oder bei einer Kommune arbeiten – beschäftigt sich bereits intensiv mit den neuen Vorgaben und ist zu dem Schluss gekommen, dass eine Kanalbeköderung, wie sie derzeit durchgeführt wird, mit den neu- oder wiederzugelassenen Mitteln nicht machbar sein wird.

Weil die Anwendungsvorgaben für Mittel nach neuer Zulassung gelten, haben wir derzeit ein Zeitfenster zur Überbrückung: Antikoagulante Rodentizide werden im Normallfall für zwei Jahre zugelassen. Natürlich haben viele Hersteller ihre Produkte noch vor dem 1.März 2018 zugelassen, sodass diese bis zum 29.Februar 2020 nach den „alten“ Vorgaben verwendet werden dürfen. Für sie gelten die neuen Regelungen noch nicht! Erworbene Köder müssen innerhalb eines halben Jahres aufgebraucht werden; wer also am 29.Februar 2020 Köder mit „alter Zulassung“ kauft, darf diese bis zum 31.August 2020 verwenden. Sollten die Vorgaben so bleiben, wie derzeit vorgesehen, ist dies der allerspäteste Tag an dem die Änderungen umgesetzt sein müssten!

Speziell für die Kanalbeköderung sind zwei Veränderungen gravierend: Zum einen die besagte Vorgabe, dass die Köder nicht mehr mit Wasser in Berührung kommen dürfen, zum anderen verändert sich auch das Intervall, in dem die Köder kontrolliert werden müssen. Bislang galt für Kontrolle und Austausch der Köder mit antikoagulanten Wirkstoffen ein Intervall von vier Wochen und somit 13 Kontrollen pro Jahr. Für die „neuen“ Produkte ist ein Intervall von einem Monat vorgesehen, was zwölf Kontrollen pro Jahr bedeutet. Für die Kommunen bedeutet dies eine Kontrolle weniger und somit eine geringe Einsparung.

Was sind die Folgen?

Jedoch wird diese Einsparung die Mehrkosten in keiner Weise aufwiegen können, wenn die befallsunabhängige Dauerbeköderung in der Kanalisation aufrechterhalten werden soll. Denn wie oben beschrieben wird diese Beköderung um ein Vielfaches aufwendiger als bisher. Bislang sind mir drei Möglichkeiten bekannt, wie die Rattenbekämpfung im Kanal zukünftig aussehen kann, eine davon arbeitet gar nicht mit Ködern. Ich werde sie gleich vorstellen und nach dieser Vorstellung ein paar Ansätze zum Umdenken bei der Beköderung mit auf den Weg geben. Der übliche Preis für die Beköderung von Kanälen dürfte bei einem Euro irgendwas pro Schacht liegen – dieser Preis wird nicht haltbar sein und wenn er doch angeboten wird, sollten die Methoden des/der Ausführenden gründlich überprüft werden. Es kommt nicht so selten vor, dass für Ausschreibungen zur Schädlingsbekämpfung Vorlagen genutzt werden, die bereits seit Jahren veraltet sind. Spätestens bis 2020 sollten diese dringend überarbeitet und an die neuesten Vorgaben angepasst werden.

Welche Möglichkeiten bestehen also, um auch weiterhin eine befallsunabhängige Dauerbeköderung in der Kanalisation durchführen zu können? Zunächst einmal gibt es sogenannte Köderschutzboxen. Wie gesagt: Der Kanal gilt als geschützter Bereich und die Köder müssen nicht speziell gesichert werden vor Zugriff von Dritten. Die Köderschutzboxen verfolgen das Ziel, den Köder vor Wasser zu schützen. Zwei Modelle sind mir bekannt und bereits auf dem Markt: Die Köderschutzbox Toxprotect der Firma Ball-B wird im Kanal verbaut und verschließt sich mit steigendem Wasserpegel selbst. Der Köder im Inneren wird durch dieses Verschließen vor Wasser geschützt, die Ratte bekommt nach Abfallen des Pegels wieder Zugang zum Köder. Selbst wenn die Toxprotect komplett unter Wasser steht, wird der Köder geschützt. Derzeit arbeitet Ball-B an einer Box, die nicht verbaut werden muss. Die zweite mir bekannte Köderschutzbox stammt von der Firma Unitechnics. Sie wird nicht verbaut, sondern – wie sonst die Köder – in den Kanal gehängt. Der Köder befindet sich im Inneren, bei steigendem Wasserpegel schwimmt die Box auf dem Wasser. Zusätzlich wird der Köder dadurch geschützt, dass die Luft bei steigendem Wasserpegel im Inneren der Box eingeschlossen wird und das Wasser „aussperrt“. Beide Köderschutzboxen sind kostspielig: derzeit liegt der Preis für eine Unitechnics-Box bei um 400 €, die Toxprotect bei 1.000 €.

Günstiger wird es auch nicht bei Variante 3: Anticimex hat eine Schlagfalle für den Kanal entwickelt. Anhand von Wärmesensoren erkennt sie, wann eine Ratte den Abschnitt passiert, und tötet sie durch einen gezielten Schlag. Dabei sollen die Organe der Ratte zum Platzen gebracht werden, sodass sie sofort stirbt. Diese Smart Pipe erfasst die Anzahl der getöteten Ratten, sodass auch hier eine Befallskontrolle/Dokumentation vorliegt. Auch die Toxprotect von Ball-B zählt, und zwar die Zugänge zur Box. Die Unitechnics-Box gibt es in zwei Varianten; mit und ohne Dokumentation. Die Smart Pipe kostet ebenfalls um die 1.000 Euro plus Wartungskosten.

Was können wir tun?

Vor allem durch die Köderschutzboxen besteht die Möglichkeit, die befallsunabhängige Dauerbeköderung mit antikoagulanten Rodentiziden weiterhin nahezu so aufrecht zu erhalten, wie sie bisher funktioniert hat. Jedoch würden dadurch die Kosten um ein Vielfaches steigen. Die gute Nachricht: Wir haben zwei Jahre Zeit, um die Kanalbeköderung neu zu denken. Statt wie in der Vergangenheit vielleicht praktiziert, mehr oder weniger zufällig Köder in den einen oder anderen Kanal zu hängen, hilft schon ein bisschen Planung weiter. Die kommenden Monate können Sie nutzen, um zu erfassen, in welchen Schächten die Köderannahme besonders hoch ist. Für diese Schächte können Köderschutzboxen angeschafft werden. Bei dauerhaft hohem Befall lohnt sich eventuell die Toxprotect, sonst eignet sich die Unitechnics-Box, da diese schnell in andere Schächte umgehängt werden kann. An Problemstellen mit hohem Rattenaufkommen können einige ausgewählte Schächte beködert werden. Ihr/-e Schädlingsbekämpfer/-in kennt diese Schächte. Damit reduziert sich die Anzahl der beköderten Schächte, wodurch für den einzelnen Schacht ein höheres Budget zur Verfügung steht.

Auch die Smart Pipe kann sich lohnen, denn um diese einzusetzen, ist lediglich ein Schein zum Töten von Wirbeltieren notwendig. Wenn Mitarbeiter/-innen des Baubetriebshofs diesen Schein erwerben, können Sie die Smart Pipe einsetzen und sparen dadurch externe Personalkosten. Auch die Smart Pipe sollte sinnvoll verbaut werden, möglichst an einem Schacht, der nicht von den Ratten umgangen werden kann. Denn Ratten sind intelligent und könnten die entsprechende Strecke sonst meiden. Besonders bei konstant hohem Rattenaufkommen kann sich die Smart Pipe lohnen.

Stichwort Personal: Es gibt Städte, die eigene Schädlingsbekämpfer/-innen anstellen. Je nachdem, wie viele Kanalschächte Sie beködern wollen, kann sich das lohnen. Jedoch gilt dabei zu beachten, dass alle Personen, die im Rahmen beruflicher Tätigkeiten regelmäßig Nagetiere bekämpfen einen Sachkundenachweis gem. § 4 Tierschutzgesetz inkl. Risikominderungsmaßnahmen (RMM – Anwendungseinschränkungen für Antikoagulanzien) besitzen müssen und ggf. einen gefahrstoffrechtlichen Sachkundenachweis benötigen. Die berufliche Anwendung von Antikoagulanzien der Gefahrenklassen akut toxisch 1 bis 4 oder Gefahrenkategorie STOT 1 oder 2 bei Anderen fällt unter Anhang I Nr. 3 der Gefahrstoffverordnung. Maßnahmen auf dem eigenen Betriebsgelände unterliegen diesen Vorgaben nicht, jedoch fallen vermutlich nicht alle Kanalschächte in den Bereich des eigenen Betriebsgeländes.

Doch wie so häufig werden bei einer Rattenbekämpfung die Symptome und nicht die Ursachen bekämpft. Die Ursachen für ein erhöhtes Rattenaufkommen sind bekannt! Gebetsmühlenartig wiederholen Fachleute, dass Lebensmittel nicht in der Toilette heruntergespült werden sollen. Dies wird durch steigende Abgaben für die Abfallentsorgung aber immer attraktiver. Die Abschaffung von Kosten für die Biotonne – ähnlich wie bei Altpapier – ist eine Möglichkeit, die Motivation der Bevölkerung zu steigern, die Biotonne für Lebensmittelabfälle zu nutzen. Abfall ist nicht sexy, dennoch findet gerade jetzt eine Sensibilisierung für Plastikabfälle statt. Warum nicht auf den Zug aufspringen und auch die Entsorgung von Lebensmitteln thematisieren? Darüber hinaus möchte niemand eine Ratte in der Toilette haben – dies könnte jedoch die Folge sein, wenn Lebensmittel heruntergespült werden. Die richtige Entsorgung von Lebensmitteln gehört auf die Agenda der Öffentlichkeitsarbeit. Dies ist die effektivste Methode zur Reduzierung des Rattenaufkommens. Überlaufende Abfallkörbe und –tonnen sind ein weiteres Problem, das im Zuge einer solchen Kampagne angesprochen werden kann. Hier entstehen Synergieeffekte auf die Entsorgung. Vorsorge ist hier besser als Nachsorge und so helfen auch Kontrollen des Kanalsystems mit speziellen Kamerafahrzeugen, um Bauschäden früh beheben zu können.

Im Zusammenspiel sorgen diese Maßnahmen dafür, dass die Kosten für die Rattenbekämpfung zwar zunächst ansteigen, dann aber langfristig wieder abnehmen. Wie gesagt: Durch die neuen Vorgaben ist eine befallsunabhängige Kanaldauerbeköderung zu den derzeitigen Preisen spätestens in zwei Jahren nicht mehr möglich, ohne illegal zu handeln oder unterhalb der Kostendeckung zu arbeiten. Mit Vorarbeit, guter Planung und dem gezielten Einsetzen von Köderschutzboxen und Kanalschlagfallen – ebenfalls langfristige Investitionen – können sich Aufwand und Kosten mittel- und langfristig reduzieren. Gute Beispiele dafür gibt es bereits.

Pia-Kim Schaper
Redaktion KommunalTechnik